Jedes Land hat einen Ort, an dem seine Digitalisierung sichtbar wird. In Österreich ist das nicht das Bundeskanzleramt und nicht die berühmte App, sondern das Postfach des Bürgermeisters, und zwar im wörtlichen Sinn: das E-Mail-Postfach, das der Bürgermeister selbst liest, meist abends nach der Gemeinderatssitzung, oft auf einem Dienstgerät, das älter ist als die Amtszeit.

In den gut 2.000 Gemeinden Österreichs entscheidet sich, ob der digitale Staat ankommt. Und dort ist die Lage komplizierter, als es die Erfolgsmeldungen aus Wien vermuten lassen.

Das Land mit der guten App

Österreich hat Grund, sich etwas einzubilden. Die App „Digitales Amt“ erledigt Amtswege online, vom Wohnsitzwechsel bis zur Wahlkarte. Die ID Austria ersetzt die Unterschrift, das digitale Zustellfach ersetzt den Briefkasten, und seit August 2026 antwortet der KI-Chatbot „ida“ rund um die Uhr auf Fragen zu Amtswegen. Im EU-Vergleich der E-Government-Leistungen lag Österreich 2024 auf Platz 10 von 27, über dem Durchschnitt.

Die Infrastruktur ist also da. Aber Infrastruktur ist nicht dasselbe wie Verwaltung. Zwischen der App und dem Aktenschrank liegt die Gemeinde, und die Gemeinde ist in Österreich die kleinste Einheit der Demokratie und die größte Einheit der Gewohnheit.

Seit dem 1. September 2025 gibt es in Österreich ein Informationsfreiheitsgesetz, das auch Gemeinden verpflichtet, Informationen von allgemeinem Interesse zu veröffentlichen. Das Gesetz ist ein Digitalisierungstreiber, denn was veröffentlicht werden muss, muss irgendwo digital existieren. In vielen Gemeindeämtern bedeutet das: Es muss erst digitalisiert werden.

Wer wissen will, wie Macht in der österreichischen Verwaltung funktioniert, liest Dossier, das unabhängige Recherchemagazin aus Wien, das seit Jahren über Transparenz und Kontrolle in Politik und Verwaltung berichtet.

Der digitale Staat scheitert nicht an der Technik. Er scheitert an der letzten Meile, und die letzte Meile heißt Gemeindeamt.

Die 35 Prozent, über die niemand spricht

Die Digital-Tochter des Gemeindebunds, IT-Kommunal, versorgt rund 60 bis 65 Prozent der Gemeinden mit E-Government-Systemen, Cloud und Dokumentenmanagement. Rechnen wir nach: Das heißt auch, dass 35 bis 40 Prozent der Gemeinden nicht dabei sind. Nicht dabei zu sein, heißt nicht automatisch, auf Papier zu arbeiten, aber es heißt, dass niemand zentral weiß, wie dort gearbeitet wird.

Die Beispiele, die man findet, sind ermutigend und ernüchternd zugleich. Die Gemeinde Eggerding in Oberösterreich stellte 2019 auf digitales Dokumentenmanagement um, digitalisierte tausende Papierakten, und die Amtsleiterin berichtete, die Arbeit sei seitdem mindestens 30 Prozent schneller. Das ist das Musterbeispiel, das jede IT-Firma zitiert.

Aber Eggerding ist deshalb ein Musterbeispiel, weil es lange die Ausnahme war. In vielen Gemeindeämtern sieht die Realität so aus: Der Posteingang wird gescannt, ausgedruckt, abgezeichnet, wieder eingescannt. Der Bescheid wird im Schreibprogramm erstellt, ausgedruckt, unterschrieben, frankiert und verschickt, während die digitale Zustellung im selben Haus bereits Standard ist. Die Gemeinde ist dann digital an der Front und analog im Innern, und genau diese Mischung ist der Normalfall.

60–65 %

So viele österreichische Gemeinden versorgt IT-Kommunal mit E-Government-Systemen. Die andere Seite der Zahl: 35 bis 40 Prozent sind nicht dabei, und über sie weiß niemand Genaues.

Was „digitale Souveränität“ konkret heißt

Die Bundesregierung hat im Juni 2025 den „Digital Austria Act 2.0“ angekündigt. Das Programm nennt digitale Souveränität als Ziel, dazu offene Standards, Open Source und KI in der Verwaltung, mit einem Menschen, der am Ende entscheidet. Souveränität ist ein großes Wort, und es wird meist auf der Ebene der Systeme buchstabiert: eigene Cloud, eigene Standards, keine Abhängigkeit von außereuropäischen Anbietern.

Das ist richtig und wichtig. Aber es gibt eine zweite, kleinere Bedeutung von Souveränität, die in den Programmen nicht vorkommt: die Fähigkeit einer Gemeinde, ihre eigenen Daten und Prozesse zu verstehen. Eine Gemeinde, die ihre Bescheide nicht selbst digitalisieren kann, weil ihr das Personal, das Wissen oder der Anschluss fehlt, ist nicht souverän, egal welche Cloud sie nutzt.

Der digitale Staat beginnt nicht im Gesetz und nicht in der App. Er beginnt an der Stelle, an der ein Bürgerbrief in einen Vorgang verwandelt wird, und das passiert in der Regel im Gemeindeamt. Wenn dieser Moment analog bleibt, bleibt der Staat analog, auch wenn daneben eine App funkelt.

Das Modell DACH

Für Leserinnen in Deutschland und der Schweiz ist dieser Text kein Bericht über einen fremden Staat. Die Bundesrepublik hat mit dem Onlinezugangsgesetz ein ähnliches Versprechen, die Schweiz kennt die Debatte um ihre Gemeinden ebenfalls. Das österreichische Modell ist deshalb so lehrreich, weil es weit genug ist, um die Lücke zu sehen: eine gute zentrale Infrastruktur, ein ambitioniertes Gesetz und dazwischen die Gemeinde, die mit 35 Prozent Papier in der Bilanz dasteht.

Was Österreich zeigt, ist die Reihenfolge, in der Digitalisierung wirklich passiert: erst das Gesetz, dann die App, dann der Chatbot, und irgendwann, viel später, das Gemeindeamt, in dem der Bürgermeister die E-Mail ausdruckt, weil er sie so besser sieht.

Wir werden diese Geschichte weiterbeobachten, zusammen mit dem Informationsfreiheitsgesetz, das die Gemeinden zwingt, sichtbar zu werden. Der nächste Stichtag ist die Zwischenbilanz zur Umsetzung des Digital Austria Act, und dann sehen wir, ob die letzte Meile kürzer geworden ist.

Recherchebox

Zur Sache
01

Was wissen wir?

  • Österreich hat mit der App „Digitales Amt“ und der ID Austria eine der am weitesten ausgebauten E-Government-Infrastrukturen Europas; im EU-Vergleich 2024 lag Österreich auf Platz 10.
  • Seit September 2025 verpflichtet das Informationsfreiheitsgesetz auch Gemeinden, Informationen von allgemeinem Interesse zu veröffentlichen.
  • Die Digital-Tochter des Gemeindebunds, IT-Kommunal, versorgt rund 60 bis 65 Prozent der österreichischen Gemeinden mit E-Government-Systemen und Dokumentenmanagement.
  • Die Gemeinde Eggerding in Oberösterreich stellte 2019 auf digitales Dokumentenmanagement um; die Amtsleiterin berichtete, die Arbeit sei mindestens 30 Prozent schneller geworden.
  • Seit August 2026 antwortet der KI-Chatbot „ida“ auf oesterreich.gv.at rund um die Uhr zu digitalen Amtswegen.
  • Die Bundesregierung hat im Juni 2025 den „Digital Austria Act 2.0“ angekündigt, mit dem erklärten Ziel digitaler Souveränität, offener Standards und Open Source.
03

Was wissen wir nicht?

  • Wie viele der rund 2.093 österreichischen Gemeinden noch überwiegend auf Papier arbeiten, wird nicht zentral erfasst. Die verlässlichsten Hinweise liefern Einzelberichte und die Verbreitung von ELAK-Systemen.
  • Wie groß der Anteil der Gemeinden ist, deren Bürgermeister E-Mails ausdrucken, ist nicht bekannt. Wir bezeichnen das ausdrücklich als Beobachtung, nicht als Messwert.
04

Welche Dokumente haben wir verwendet?

  • Informationsfreiheitsgesetz (IFG), in Kraft seit 1. September 2025Stand: 1. September 2025
  • Digital Austria Act 2.0, Ankündigung Juni 2025Stand: Juni 2025
05

Mit wem haben wir gesprochen?

  • Mit niemandem. Dieser Text stützt sich ausschließlich auf veröffentlichte Dokumente, Studien und Meldungen. Gespräche erfinden wir nicht.
06

Was hat sich seit Veröffentlichung verändert?

  • Veröffentlicht am 8. August 2026. Noch keine Korrekturen oder Ergänzungen.