Es gibt Nächte im Juli, in denen Zürich nicht abkühlt. Die Temperaturen fallen auf 22 Grad und bleiben dort stehen, die Wände geben die Wärme des Tages ab, und in den Straßen, in denen keine Bäume stehen, ist es um drei Uhr morgens so warm wie um elf abends. Wer in diesen Nächten schläft, hängt von Fenstern, Ventilatoren und der Lage seiner Wohnung ab. Und die Lage seiner Wohnung hängt von etwas ab, das mit Klima nichts zu tun hat: vom Preis.

Die Karte, die die ETH gezeichnet hat

Eine Arbeitsgruppe der ETH Zürich hat 2024 die Hitzerisiken in fünf Schweizer Städten kartiert: Basel, Bern, Genf, Lausanne und Zürich. Die Forscher kombinierten Satellitendaten zur Oberflächentemperatur mit sozioökonomischen Daten auf Quartiersebene und rechneten Szenarien: mehr Bäume, keine Bäume.

Das Ergebnis hat zwei Teile. Erstens: Bäume kühlen, messbar, auf Stadt- und Quartiersebene. Zweitens, und das ist der Teil, der selten zitiert wird: Die Risikogebiete konzentrieren sich auf die Innenstädte und auf Gebiete mit hoher sozialer Verwundbarkeit, niedrigem Einkommen, älterer oder empfindlicher Bevölkerung. Im Szenario ohne Bäume steigen die Risiken deutlich, im Szenario mit maximaler Begrünung sinken sie, vor allem in Lausanne und Bern.

Die Karte zeigt also nicht nur, wo es heiß ist. Sie zeigt, wer es abbekommt, und die Antwort ist: dieselben Quartiere, die auch sonst die schlechteren Karten haben.

Die Nacht ist der Moment, in dem sich soziale Ungleichheit in Temperatur verwandelt.

Die Akte, die Zürich führt

Die Stadt Zürich hat die soziale Seite dieser Karte selbst dokumentiert, in einem Stadtratsbeschluss aus dem Jahr 2022, der auf eine Anfrage zum Städtevergleich antwortet. Der Satz, um den es geht, steht dort in nüchterner Amtssprache: In Quartieren mit geringem durchschnittlichem Einkommen und Bildungsniveau gibt es weniger und kleinere Grünräume als in Quartieren mit hohem durchschnittlichem Einkommen und Bildungsniveau.

Es fällt auf, wie selten dieser Satz zitiert wird, denn er gehört zu den saubersten Aussagen über städtische Ungleichheit, die eine deutsche oder Schweizer Stadtverwaltung je formuliert hat. Er steht in einer Antwort auf eine parlamentarische Anfrage, und er verschwindet in der Akte. Die Stadt arbeitet mit einem Richtwert von acht Quadratmetern öffentlich zugänglichem Freiraum pro Einwohner und aktualisiert ihre Freiraumversorgungsanalyse alle vier Jahre. Aber der Befund bleibt: Die Verteilung des Grüns folgt der Verteilung des Einkommens.

Dazu kommt die Schweizer Sonderheit des „Wohlstands-Hitzeparadox“, das eine Studie der EPFL und der ETH 2025 über 1.625 Gemeinden beschrieben hat: Die einkommensstarken Gemeinden liegen oft in warmen Tieflagen, etwa rund um den Zürichsee, und sind deshalb stärker hitzeexponiert als die Berggemeinden. Gleichzeitig sind in den Großstädten die Gemeinden mit hohem Sozialhilfeanteil und hohem Ausländeranteil stärker betroffen. Auf dem Land ist Hitze also eine Frage der Geografie, in der Stadt eine Frage der Adresse.

8 m²

So viel öffentlich zugänglicher Freiraum pro Einwohner ist der Zürcher Richtwert. Die Stadt misst die Versorgung regelmäßig und weiß trotzdem: In den einkommensschwachen Quartieren wird der Richtwert am seltensten erreicht.

Basel, die heiße Stadt

Basel-Stadt hat in der Schweiz eine Sonderrolle: Es gibt dort deutlich mehr Hitzewarntage als im Schweizer Durchschnitt. Der Kanton liegt im warmen Rheinknie, dicht bebaut, mit einem der höchsten Versiegelungsgrade des Landes. Die ETH-Risikokarte zeigt für Basel dasselbe Muster wie für Zürich: Zentrum und vulnerable Quartiere sind am stärksten betroffen, und Bäume senken das Risiko messbar.

Basel ist damit der Ort, an dem die ganze Geschichte in einem Satz zusammenläuft: Die Stadt, die am meisten Grund hätte, Bäume zu pflanzen, hat am wenigsten Platz dafür, und die Quartiere, die sie am dringendsten bräuchten, sind die, in denen die Mieten entscheiden, wer wohnt.

Die nächste Stufe des Dilemmas

Der Städteforscher David Kaufmann von der ETH Zürich hat im August 2026 in einem Interview auf die zweite Seite des Problems hingewiesen, die in den Klimastrategien fast nie vorkommt: Begrünung erhöht Bodenpreise und Mieten. Ein kühles Quartier mit Bäumen ist attraktiv, und was attraktiv ist, wird teurer. Die Klimaanpassung kann also genau die Menschen verdrängen, die sie schützen soll, wenn sie nicht von wohnpolitischen Instrumenten begleitet wird.

Kaufmann nennt dafür Konzepte, die man sich merken kann: „Greening in Place“, also Begrünung, die die Bewohner an Ort und Stelle hält, und „Just Green Enough“, also viele kleine dezentrale Maßnahmen statt großer Prestigeprojekte. Das klingt unspektakulär, ist aber die eigentliche Kunst: Die Bäume müssen in die Straßen, in denen die Mieten nicht steigen dürfen.

Was wir beobachten werden

Dieser Text ist eine Bestandsaufnahme, kein Abgesang. Zürich aktualisiert seine Freiraumversorgungsanalyse alle vier Jahre, Basel hat Hitzeschutzprogramme, und die ETH-Forschung liefert die Karten, auf denen gesteuert werden kann. Die Frage ist nicht mehr, ob die Städte wissen, wo es wehtut. Sie wissen es. Die Frage ist, ob die Maßnahmen in den Quartieren ankommen, die sie am nötigsten haben, und ob sie dort ankommen, ohne die Menschen zu vertreiben, die dort wohnen.

Die Debatte über die soziale Seite der Hitze führen in der Schweiz neben den großen Häusern auch unabhängige Medien wie die Republik, das Mitgliedermagazin aus Zürich.

Wir werden die Freiraumversorgungsanalyse, die Hitzewarntage in Basel und die Mietentwicklung in den begrünten Quartieren in unserer Beobachtungsliste führen. Die Nacht, die nicht abkühlt, ist eine Wetterlage. Die Straße, die nicht abkühlt, ist eine politische Entscheidung.

Recherchebox

Zur Sache
01

Was wissen wir?

  • Eine ETH-Studie von 2024 (Koopmans, Schwaab, Vicedo-Cabrera, Davin) kartierte Hitzerisiken in Basel, Bern, Genf, Lausanne und Zürich: Risikogebiete konzentrieren sich auf die Innenstädte und auf Gebiete mit hoher sozialer Verwundbarkeit.
  • Die Stadt Zürich dokumentierte 2022 (STRB 2022/0484): In Quartieren mit geringem durchschnittlichem Einkommen und Bildungsniveau gibt es weniger und kleinere Grünräume als in einkommensstarken Quartieren.
  • Eine EPFL/ETH-Studie von 2025 über 1.625 Schweizer Gemeinden fand ein „Wohlstands-Hitzeparadox“: einkommensstarke Gemeinden in warmen Tieflagen sind stärker exponiert, gleichzeitig sind Gemeinden mit hohem Sozialhilfeanteil in den Großstädten stärker betroffen.
  • Basel-Stadt hat deutlich mehr Hitzewarntage als der Schweizer Durchschnitt.
  • Der Städteforscher David Kaufmann (ETH) beschreibt das Dilemma: Begrünung erhöht Bodenpreise und Mieten und kann Verdrängung auslösen.
03

Was wissen wir nicht?

  • Wie schnell die städtischen Hitzeschutzmaßnahmen in den vulnerablen Quartieren wirken, lässt sich erst mit den nächsten Erhebungsrunden der Freiraumversorgungsanalyse messen.
  • Ob die Begrünung ohne Verdrängung gelingt, hängt von wohnpolitischen Instrumenten ab, deren Wirkung erst in Jahren sichtbar wird.
05

Mit wem haben wir gesprochen?

  • Mit niemandem. Dieser Text stützt sich ausschließlich auf veröffentlichte Dokumente, Studien und Meldungen. Gespräche erfinden wir nicht.
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Was hat sich seit Veröffentlichung verändert?

  • Veröffentlicht am 7. August 2026. Noch keine Korrekturen oder Ergänzungen.