Im März 2026 erschien die neunte Ausgabe der Trendstudie „Jugend in Deutschland“, und die Meldungen dazu klangen wie ein Alarm: psychische Belastung auf Rekordhoch, jeder Fünfte plant, Deutschland zu verlassen, die berufliche Zukunft wird schlechter eingeschätzt als im Vorjahr. Im Dezember 2025 hatte das Umweltbundesamt gemeldet, 73 Prozent der 14- bis 22-Jährigen blickten pessimistisch auf die gesellschaftliche Zukunft Deutschlands.

Und dann gibt es die Shell Jugendstudie 2024, die das genaue Gegenteil meldete: 56 Prozent der Jugendlichen blicken zuversichtlich auf die Entwicklung der Gesellschaft, der höchste Wert seit 2002. Die Studienleiter nannten ihre eigene Studie „Pragmatisch zwischen Verdrossenheit und gelebter Vielfalt“ und betonten: besorgt, aber optimistisch.

Zwei große Studien, zwei entgegengesetzte Überschriften. Wer nur eine davon liest, hat die halbe Generation verstanden. Wer beide liest, versteht die ganze, und die ganze ist komplizierter und interessanter als jede Schlagzeile.

Der Widerspruch ist die Nachricht

Der Trick besteht darin, dass die Studien verschiedene Fragen stellen. Die Frage „Wie wird es Deutschland in den nächsten zehn Jahren gehen?“ beantwortet die junge Generation düster. Die Frage „Wie wird es dir persönlich gehen?“ beantwortet sie deutlich heller.

Die MetallRente Jugendstudie 2025 hat das sauber getrennt gemessen: Nur 26 Prozent der 17- bis 27-Jährigen bewerten die Entwicklung Deutschlands in den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren positiv, 2022 waren es noch 47 Prozent. Aber 87 Prozent sind bei der eigenen persönlichen Zukunft zuversichtlich. Das ist keine Spaltung zwischen Jugendlichen, das ist eine Spaltung innerhalb jedes einzelnen Jugendlichen: Mein Leben wird schon. Das Land wird nicht.

Die junge Generation ist nicht pessimistisch. Sie ist gespalten, und die Spaltung verläuft nicht zwischen links und rechts, sondern zwischen dem eigenen Leben und dem Land.

Dieselbe Spaltung zeigt sich in den Ängsten. Krieg in Europa: 81 Prozent der Jugendlichen haben Angst davor, 2019 waren es 46. Wirtschaftliche Lage und Armut: 67 Prozent. Umweltverschmutzung: 64. Und dann das Erstaunliche: Die Angst vor Arbeitslosigkeit und Ausbildungsplatzknappheit ist auf 35 Prozent gefallen, ein historischer Tiefstand. Die Generation, die in einer Welt mit Krieg, Klimakrise und Wohnungsnot aufwächst, hat weniger Angst vor dem Arbeitsmarkt als jede Generation vor ihr. Sie hat Angst vor der Welt, nicht vor dem Beruf.

Was der Pessimismus konkret ist

Die Trendstudie „Jugend in Deutschland 2026“ hat im Januar und Februar 2026 insgesamt 2.012 junge Menschen befragt. Die Ergebnisse, die am meisten zitiert wurden, betreffen den psychischen Druck: 29 Prozent der 14- bis 29-Jährigen geben an, psychologische Unterstützung zu benötigen. Und sie betreffen den Wunsch wegzugehen: 21 Prozent planen konkret, Deutschland zu verlassen, 41 Prozent können es sich langfristig vorstellen.

Man sollte diese Zahlen ernst nehmen, ohne sie zu dramatisieren. Abwanderungsabsicht ist kein Auswanderungsbeschluss, und psychischer Druck ist kein Zusammenbruch. Aber die Richtung stimmt überein: Das eigene Leben wird mit dem Land verrechnet, und bei vielen kommt heraus, dass das Land der unsicherere Teil ist. Die Gründe, die die Studie nennt, sind keine Überraschung: Zukunftsangst, bezahlbarer Wohnraum, wirtschaftliche Unsicherheit, und neu dazu die Angst vor der KI, die den eigenen Job übernimmt.

29 %

So viele 14- bis 29-Jährige gaben in der Trendstudie 2026 an, psychologische Unterstützung zu benötigen. Ein Rekordwert, und die Zahl, die am ehesten erklärt, warum die öffentliche Debatte über Jugend so oft an ihr vorbeiredet.

Was „nicht mehr erwarten“ bedeutet

Der Titel dieses Textes ist eine These, und er ist bewusst so formuliert: Eine Generation erwartet nicht mehr, dass morgen besser wird. Das ist nicht dasselbe wie Verzweiflung. Es ist eine andere Form der Lebensplanung.

Wer nicht erwartet, dass morgen besser wird, plant vorsichtiger: kürzere Horizonte, eigene Absicherung, mehr Gegenwart. Die Shell-Studie nennt das „Fahrt auf Sicht“. Wer auf Sicht fährt, fährt nicht in den Abgrund, aber er plant auch keine großen Strecken. Für die Gesellschaft ist das ein Problem, denn große Strecken, Ausbildung, Hausbau, Familie, Rente, sind genau das, wofür eine Gesellschaft langfristige Erwartungen braucht.

Es gibt in der Shell-Studie einen Satz, der das ganze Bild zusammenfasst: 44 Prozent der Jugendlichen stimmen zu, dass „eine starke Hand müsste mal wieder Ordnung in unseren Staat bringen“. Das ist keine Zustimmung zu einer Partei, das ist eine Aussage über Erwartungen: Wer nicht mehr erwartet, dass das System sich selbst ordnet, wünscht sich jemanden, der es ordnet. Und genau diese Haltung ist der Nährboden, auf dem jede Vereinfachung wächst.

Die ehrliche Zusammenfassung

Wer über die junge Generation berichtet, kann wählen: die Krise oder die Zuversicht. Die ehrliche Antwort ist: beides, und zwar gleichzeitig. Die junge Generation erwartet nicht mehr, dass morgen besser wird, und plant trotzdem, und zwar besser ausgebildet und politisch interessierter als jede Generation vor ihr.

Das Interessante an dieser Spaltung ist, dass sie die Politik nicht erreicht. Die Debatten über Jugend handeln von Einzelfällen, von Statussymbolen oder von vermeintlicher Faulheit, während die eigentliche Nachricht in den Studien liegt: Das Vertrauen in die eigene Zukunft ist stabil, das Vertrauen in das Land sinkt, und dazwischen liegt die ganze Aufgabe.

Recherchebox

Zur Sache
01

Was wissen wir?

  • In der Shell Jugendstudie 2024 ist die Angst vor Krieg in Europa auf 81 Prozent gestiegen (2019: 46 Prozent); der persönliche Zukunftsoptimismus sank von 58 auf 52 Prozent.
  • Die Trendstudie „Jugend in Deutschland 2026“ (Januar/Februar 2026, n=2.012) meldet: 29 Prozent der 14- bis 29-Jährigen brauchen psychologische Unterstützung, 21 Prozent planen konkret, Deutschland zu verlassen.
  • Das Umweltbundesamt („Zukunft? Jugend fragen!“, 2025/26) meldet: 73 Prozent der 14- bis 22-Jährigen blicken pessimistisch auf die gesellschaftliche Zukunft Deutschlands, 30 Prozent auf die eigene persönliche.
  • Die MetallRente Jugendstudie 2025 findet: Nur 26 Prozent bewerten die Entwicklung Deutschlands in den nächsten 10 bis 15 Jahren positiv, aber 87 Prozent sind persönlich zuversichtlich.
  • Die Shell Jugendstudie 2024 meldet zugleich den höchsten Gesellschaftsoptimismus seit 2002: 56 Prozent blicken zuversichtlich auf die Entwicklung der Gesellschaft.
03

Was wissen wir nicht?

  • Ob der Anstieg des Pessimismus eine Stimmungslage oder ein dauerhafter Wertewandel ist, lässt sich erst mit den nächsten Studienwellen klären.
  • Wie sich die Abwanderungsbereitschaft von 21 Prozent konkret in Auswanderung übersetzt, ist nicht messbar, solange sie eine Absichtserklärung bleibt.
04

Welche Dokumente haben wir verwendet?

05

Mit wem haben wir gesprochen?

  • Mit niemandem. Dieser Text stützt sich ausschließlich auf veröffentlichte Dokumente, Studien und Meldungen. Gespräche erfinden wir nicht.
06

Was hat sich seit Veröffentlichung verändert?

  • Veröffentlicht am 10. Juli 2026. Noch keine Korrekturen oder Ergänzungen.