Zwei Sätze, die sich widersprechen, sind keine gute Überschrift. Es sei denn, beide sind belegt. Also fangen wir mit den Belegen an, denn darum geht es in diesem Text: Die Energiewende ist kein Projekt, das gelingt oder scheitert. Sie ist ein Projekt, das beides gleichzeitig tut, und wer nur eine der beiden Wahrheiten meldet, verfehlt die Lage.

Die Seite, auf der es funktioniert

Im Jahr 2025 kamen rund 55 Prozent des deutschen Bruttostromverbrauchs aus erneuerbaren Quellen. Das ist ein neuer Rekord, auch wenn das Wachstum klein war: 2024 waren es 54,1 Prozent. Die Zahlen stammen aus dem Monatsbericht der Arbeitsgruppe Erneuerbare Energien-Statistik beim Umweltbundesamt.

Der eigentliche Star ist die Photovoltaik. Sie erzeugte 2025 rund 89 Terawattstunden, 19 Prozent mehr als im Vorjahr. Der Zubau lag bei etwa 15,9 Gigawatt, die installierte Leistung bei rund 118 Gigawatt. Wer im Sommer über deutsche Dächer fährt, sieht den Grund dafür: Die Module sind inzwischen so billig, dass sie sich auch dort lohnen, wo niemand hinschaut.

Auch beim Wind an Land gab es einen Rekord, nur einen, den kaum jemand als solchen meldete: Im ersten Halbjahr 2025 wurden so viele Anlagen in Betrieb genommen wie seit 2017 nicht mehr, 409 Stück mit 2,2 Gigawatt. Die Genehmigungen lagen mit 7,8 Gigawatt ebenfalls auf Rekordniveau. Der Bundesverband WindEnergie sprach vom stärksten Halbjahr seit acht Jahren.

Die Energiewende ist kein Projekt, das gelingt oder scheitert. Sie ist ein Projekt, das beides gleichzeitig tut.

Die Seite, auf der es nicht funktioniert

Jetzt die andere Wahrheit. Die Windenergie erzeugte 2025 rund 136 Terawattstunden, zwei Prozent weniger als im Vorjahr, obwohl mehr Anlagen standen. Der Grund: ein historisch windschwaches erstes Halbjahr. Strom aus Wind lässt sich nicht auf Befehl produzieren, und genau das ist der Punkt, an dem Planung und Wirklichkeit auseinanderlaufen.

Das 80-Prozent-Ziel für 2030 verlangt einen Onshore-Bestand von 115 Gigawatt. Mitte 2026 stehen laut DIW-Energiewendemonitor rund 70, also 61 Prozent des Ziels, bei der Solar sind es 58 Prozent des 215-Gigawatt-Ziels. Der Monitoringbericht des Bundeswirtschaftsministeriums, im September 2025 als „Reality Check“ veröffentlicht, kommt zu dem Schluss, dass die Windziele voraussichtlich verfehlt werden.

Und dann ist da die Ausschreibung, die man sich merken sollte: Im August 2025 wurden 10,1 Gigawatt Offshore-Flächen in der Nordsee ausgeschrieben, die größte Menge in der Geschichte der deutschen Offshore-Windkraft. Es kam kein einziges Gebot. Keines. Die Branche begründete das mit zu hohen Risiken und fehlenden Finanzierungsinstrumenten, die nächste Ausschreibung wurde daraufhin auf 2,5 bis 5 Gigawatt reduziert.

55,1 %

So viel erneuerbaren Stromanteil meldet die AGEE-Stat für 2025. Ein Rekord. Und zugleich: rund 68 Terawattstunden unter dem eigenen Jahres-Meilenstein der Bundesregierung.

Warum beides stimmt

Wie kommen diese beiden Wahrheiten zusammen? Es hilft, sich die Energiewende als zwei verschiedene Projekte vorzustellen.

Das erste Projekt ist der Ausbau dezentraler Erzeugung. Das funktioniert, und zwar besser als geplant. Photovoltaik wächst, weil sie wirtschaftlich ist, und sie wächst dort, wo Menschen Entscheidungen treffen können: auf Dächern, auf Freiflächen, im eigenen Garten. Dieses Projekt braucht keine große Politik, es braucht Netze, die mitmachen, und die werden nachgerüstet.

Das zweite Projekt ist der Ersatz der Großkraftwerke durch Großanlagen, vor allem durch Wind auf See und an Land. Dieses Projekt hängt an Genehmigungen, Klagen, Ausschreibungsdesign, Lieferketten und an der Frage, wer das Risiko trägt, wenn der Wind nicht weht. Genau dort klemmt es. Die Behörden haben ihre Verfahren beschleunigt, das zeigt der Genehmigungsrekord. Aber zwischen Genehmigung und Fundament liegen Jahre, und die Ausschreibungsrunde im August 2025 hat gezeigt, dass die Branche bei bestimmten Bedingungen schlicht nicht bietet.

Das Umweltbundesamt hält das 80-Prozent-Ziel für 2030 weiterhin für erreichbar, wenn die gesetzlichen Ausbaukorridore eingehalten werden. Das Wirtschaftsministerium sieht die Windziele gefährdet. Beide haben vermutlich recht, nur über verschiedene Zeiträume: Das Ziel ist erreichbar, wenn die Rekordgenehmigungen in Rekordbauten umschlagen. Ob das passiert, entscheidet sich in den nächsten zwei Jahren, nicht in den nächsten zwei Wochen.

Was daraus folgt

Für Leserinnen und Leser, die nur eine Schlagzeile wollen, ist dieser Text eine Enttäuschung. Es gibt keine. Es gibt stattdessen eine Einordnung, die man sich merken kann: Die Energiewende hat ihr Tempo-Problem in den Großprojekten und ihr Erfolgsproblem nicht. Wer das eine meldet und das andere verschweigt, beschreibt nicht die Energiewende, sondern seine eigene Meinung.

Wer den Ausbau Woche für Woche verfolgen will, findet beim Klimareporter, dem unabhängigen Magazin für Klimapolitik und Energiewende, eine Berichterstattung zu Strom, Wind und Netzen, die nicht an der Schlagzeile endet.

Wir werden die Entwicklung in unserer Wiedervorlage behalten. Der nächste Stichtag ist der Ausblick des DIW-Energiewendemonitors, der nächste harte Datensatz die Jahresbilanz 2026 der AGEE-Stat. Und dann sehen wir weiter, ob die zwei Wahrheiten näher zusammenrücken oder auseinanderlaufen.

Recherchebox

Zur Sache
01

Was wissen wir?

  • 2025 deckten erneuerbare Energien rund 55 Prozent des deutschen Bruttostromverbrauchs, nach 54,1 Prozent im Jahr 2024 (AGEE-Stat).
  • Die Photovoltaik erzeugte 2025 rund 89 Terawattstunden, 19 Prozent mehr als im Vorjahr; der Zubau lag bei rund 15,9 Gigawatt.
  • Die Windenergie erzeugte 2025 rund 136 Terawattstunden, zwei Prozent weniger als 2024, trotz eines Nettozubaus von rund 4,4 Gigawatt.
  • Der Zubau von Onshore-Wind erreichte im ersten Halbjahr 2025 den höchsten Stand seit 2017: 409 Anlagen mit 2,2 Gigawatt.
  • Die Offshore-Ausschreibung vom August 2025 über 10,1 Gigawatt blieb ohne ein einziges Gebot; die Ausschreibung 2026 wurde auf 2,5 bis 5 Gigawatt reduziert.
  • Der DIW-Energiewendemonitor beziffert den Onshore-Windbestand Mitte 2026 auf rund 70 Gigawatt, das sind 61 Prozent des 115-Gigawatt-Ziels für 2030.
03

Was wissen wir nicht?

  • Ob das 80-Prozent-Ziel für 2030 erreichbar bleibt, hängt an der Frage, wie schnell Windgenehmigungen in Bauleistung übersetzt werden. Das UBA hält das Ziel für erreichbar, der Monitoringbericht des Wirtschaftsministeriums sieht die Windziele gefährdet.
  • Wie stark der künftige Strombedarf steigt, ist offen: Die Diskussion schwankt zwischen 600 und 750 Terawattstunden für 2030.
04

Welche Dokumente haben wir verwendet?

05

Mit wem haben wir gesprochen?

  • Mit niemandem. Dieser Text stützt sich ausschließlich auf veröffentlichte Dokumente, Studien und Meldungen. Gespräche erfinden wir nicht.
06

Was hat sich seit Veröffentlichung verändert?

  • Veröffentlicht am 30. Juli 2026. Noch keine Korrekturen oder Ergänzungen.