Am 14. August 2026 standen die Zweitklässler von Kassel am Beckenrand des Auebads. Über 1.400 Kinder aus 19 der 26 Grundschulen der Stadt, eine Woche lang, jeden Tag rund 90 Minuten im Wasser, betreut von mehr als 50 Sportstudierenden der Universität. Anreise und Eintritt kosten nichts, es geht ausdrücklich nicht um ein möglichst schnelles Abzeichen, sondern darum, im Wasser Sicherheit zu gewinnen. Das Projekt heißt Kasseler WELLE, und es gilt als bundesweit einmalig.
Am selben Tag, rund 400 Kilometer südlich, blieb in Schwörstadt am Hochrhein das Rheinschwimmbad zu. Mitten in der Saison, im August. Der Grund war kein Unfall, keine Flut, kein Baustopp: Der Bademeister hatte seinen Lohn nicht bekommen, das Bad machte dicht. Zwei Tage vorher, am 12. August, hatte die DLRG mitgeteilt, dass 3,5 Millionen Menschen ab 14 Jahren in Deutschland nicht schwimmen können und gut die Hälfte der Erwachsenen nicht als sichere Schwimmer gilt. Drei Meldungen in drei Tagen, die zusammengehören.
Die Zahl am Beckenrand
Man muss zuerst klären, was „schwimmen können" überhaupt heißt. Die DLRG zählt nur als sichere Schwimmer, wer mindestens das Abzeichen Bronze ablegt: unter anderem 15 Minuten am Stück schwimmen, vom Beckenrand springen, einen Gegenstand aus schultertiefem Wasser heraufholen. Nach diesem Maßstab können rund 60 Prozent der Kinder am Ende der Grundschule nicht sicher schwimmen. Die Zahl stammt aus repräsentativen Befragungen, die die DLRG in Auftrag gegeben hat, und steht im Deutschen Schwimmbadplan vom 3. Juli 2025.
Der Plan ist das Papier der Bäderallianz Deutschland, eines Zusammenschlusses von 15 Verbänden aus der Bäderlandschaft, von der DLRG über den Deutschen Schwimm-Verband bis zum Bundesverband der Schwimmmeister. Die Bilanz, die der Plan zieht, ist ernüchternd: Hunderte Bäder sind bereits geschlossen, die Hälfte der verbliebenen Anlagen ist sanierungsbedürftig. Die Allianz fordert ein Bäderförderprogramm von einer Milliarde Euro im Jahr über zwölf Jahre, dazu Landesbäderpläne und ein Ziel, das sich merken lässt: Niemand soll länger als 30 Minuten mit dem Auto zu einem Schwimmbad unterwegs sein müssen. DLRG-Präsidentin Ute Vogt sagt es in einem Satz: „Schwimmen zu lernen ist kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit."
So viele Kinder können am Ende der Grundschule nicht sicher schwimmen. Die Zahl stammt aus repräsentativen Befragungen im Auftrag der DLRG und steht im Deutschen Schwimmbadplan vom 3. Juli 2025.
Wo es schließt
Schwörstadt liegt am Hochrhein, und das Rheinschwimmbad gehört zum Sommer der Gemeinde wie der Kirchturm zum Dorf. In diesem Sommer blieb es zu. Der Bademeister bekam keinen Lohn, das Bad wurde geschlossen, die Badische Zeitung und der Südkurier meldeten es am 14. August, mehr nicht. Ein Bad schließt leise: kein Aufschrei, keine Demonstration. Nur ein verschlossenes Tor und ein Ort, an dem die Kinder eben anderswo baden gehen oder gar nicht.
Der einzelne Fall ist auffällig, weil er so klein ist. Es ging weder um ein Sanierungsprogramm noch um Energiekosten. Es ging um einen ausstehenden Lohn, und das reichte, um ein ganzes Freibad in der Hochsaison zu schließen. Genau darin steckt die Nachricht: Schwimmbäder hängen an Entscheidungen und an Kassen, die so klein sind, dass ein einziger Fehlbetrag das Becken leer lässt. Hunderte Bäder haben auf diese Weise schon geschlossen, die Hälfte der verbliebenen ist sanierungsbedürftig, und jede Schließung beginnt mit einer Zahl in einem Haushaltsplan.
Anderswo sind es nicht die Löhne, sondern das Alter. In Elze im Landkreis Hildesheim ist das Freibad seit Juni 2026 wegen technischer Probleme geschlossen, eine Wiedereröffnung war Mitte August nicht absehbar. In Essen verliert das Sportbecken des Freibads Oststadt seit mehr als vier Jahren täglich rund 50.000 Liter Wasser, die Sanierung ist erst für nach der Saison 2027 geplant. Ein Becken, das leckt wie ein alter Eimer, und eine Kommune, die wartet, bis das Geld da ist: Das ist die andere Seite derselben Rechnung. Der Sanierungsstau ist nicht abstrakt, er tropft.
Das Bad schließt leise. Das Nichtschwimmen bleibt.
Wo es funktioniert
In Kassel geht es anders. Die Kasseler WELLE ist eine Kooperation, die man im Rathaus selten sieht: das Amt für Schule und Bildung, das Sportamt, die Universität, die Städtischen Werke, das Staatliche Schulamt und die Grundschulen, alle in einem Projekt. 19 von 26 Grundschulen machen im ersten Jahr mit, bis 2030 sollen pro Jahrgang bis zu 2.000 Kinder erreicht werden. Die Klasse geht geschlossen ins Auebad, niemand muss angemeldet werden, niemand muss bezahlen. Und genau das ist der Punkt: Es erreicht alle Kinder, auch die, deren Eltern sich nie angemeldet hätten.
Oberbürgermeister Sven Schoeller formuliert das Ziel so: „Jedes Kasseler Kind soll schwimmen können." Christoph Loose, der Bundesbeauftragte Schule der DLRG, ergänzt in der Ankündigung der Universität: „Wassergewöhnung und Schwimmenlernen muss für alle Kinder verpflichtend sein und darf nicht vom Einkommen der Eltern abhängen." Die Universität begleitet das Projekt wissenschaftlich, mit einem Diagnoseverfahren namens EuViS, das die Lernstände der Kinder digital erfasst und den Unterricht darauf zuschneidet. Man kann die Kasseler WELLE als den Versuch lesen, aus dem Schwimmunterricht genau das zu machen, was er sein müsste: eine kommunale Selbstverständlichkeit.
Und es gibt eine dritte Ebene, auf der es klappen kann. Am 14. August 2026 teilte das Land Schleswig-Holstein mit, dass es für den Neubau der Schwimmhalle Aqua Siwa in Ratzeburg bis zu 23,7 Millionen Euro bereitstellt, 19,2 Millionen aus der Städtebauförderung, 4,5 Millionen aus dem Bundes-Sondervermögen. Die alte Halle war nicht mehr wirtschaftlich zu betreiben. In Kassel trägt die Stadt mit der Universität, in Ratzeburg tragen das Land und der Bund: Ein Bad muss nicht am Geld scheitern, wenn jemand die Verantwortung übernimmt.
Wo das Bad schließt, entscheidet nicht mehr der Unterricht, sondern der Wohnort.
Warum das ein Vor-Ort-Thema ist
Schwimmbäder sind die kommunalste Sache der Republik. Der Bund betreibt kein einziges Freibad. Gebaut, saniert, beheizt, mit Bademeistern besetzt und bezahlt wird alles im Rathaus, und wenn eine Kommune sparen muss, steht das Bad früh auf der Liste, weil es kein Pflichtposten ist wie das Standesamt oder die Müllabfuhr. In Rodgau bei Frankfurt hat die Stadt im Juni 2026 öffentlich aufgelistet, was dann als Erstes auf der Kippe steht: die Stadtbüchereien, das Strandbad, Theater und Vereinsförderung. In Schwörstadt brauchte es nicht einmal eine Sparliste: Ein ausbleibender Lohn genügte, und das Tor blieb zu.
Die Folgen aber sind keine kommunale Angelegenheit. Ein Kind, das nicht schwimmen lernt, wird ein Erwachsener, der nicht schwimmen kann, und von denen gibt es in Deutschland 3,5 Millionen. Mindestens 321 Menschen sind im Jahr 2025 bis zum Ende der Sommerferien in deutschen Gewässern ertrunken, und die DLRG warnt, dass die Gefahr dort am größten ist, wo weniger bewachte Badestellen zur Verfügung stehen und im Notfall niemand eingreifen kann. Die Rechnung ist einfach und unbequem: Was die Kommune am Beckenrand spart, zahlt irgendwann jemand am Seeufer.
Der Schwimmbadplan der Bäderallianz wäre die Antwort auf Bundesebene: eine Milliarde Euro im Jahr über zwölf Jahre, ergänzt durch Landespläne. Vorgelegt ist der Plan seit dem 3. Juli 2025, beschlossen ist er nicht. Bis dahin entscheidet jede Kommune für sich, und die Entscheidungen fallen in diesem Sommer auffällig unterschiedlich aus: In Kassel startet ein Projekt, das es so noch nicht gibt, in Schwörstadt scheitert die Saison an einem ausbleibenden Lohn.
Was wir beobachten werden
Wir nehmen das Thema in unsere Beobachtungsliste auf. Wir prüfen nach der Saison, welche Bäder im Winter 2026/27 geschlossen bleiben, was in Schwörstadt aus dem Rheinschwimmbad wird und ob die Kasseler WELLE im zweiten Jahr mehr als 19 Grundschulen erreicht. Die Universität Kassel wertet das Projekt aus, die DLRG zählt jedes Jahr neu, und irgendwann wird sich zeigen, ob aus dem Schwimmbadplan ein Förderprogramm wird.
Am Ende jeder Saison schließen ohnehin alle Freibäder. Die Frage ist, ob sie im nächsten Mai wieder öffnen, und diese Frage entscheidet sich nicht am Beckenrand, sondern im Haushaltsplan. Das ist die Geschichte dieses Sommers: Das Bad schließt leise, und das Nichtschwimmen bleibt.
Recherchebox
Zur SacheWas wissen wir?
- Rund 3,5 Millionen Menschen ab 14 Jahren in Deutschland können laut DLRG nicht schwimmen; gut die Hälfte der Erwachsenen gilt nicht als sichere Schwimmerin oder sicherer Schwimmer (DLRG über KNA, gemeldet von BR24 am 12. August 2026).
- Als sicher gilt nach dem Maßstab der DLRG, wer mindestens das Schwimmabzeichen Bronze ablegt, also unter anderem 15 Minuten am Stück schwimmen kann.
- Rund 60 Prozent der Kinder können am Ende der Grundschule nicht sicher schwimmen (repräsentative Befragungen im Auftrag der DLRG, zitiert im Deutschen Schwimmbadplan vom 3. Juli 2025).
- Mindestens 321 Menschen sind im Jahr 2025 bis zum Ende der Sommerferien in deutschen Gewässern ertrunken, 33 weniger als im Vorjahreszeitraum (DLRG-Sommerbilanz vom 23. September 2025).
- Hunderte Schwimmbäder sind in Deutschland bereits geschlossen, die Hälfte der verbliebenen Anlagen gilt als sanierungsbedürftig (Bäderallianz Deutschland, 3. Juli 2025).
- Die Bäderallianz Deutschland fordert ein Bäderförderprogramm von mindestens einer Milliarde Euro pro Jahr über zwölf Jahre sowie Landesbäderpläne mit gleicher Laufzeit.
- Der Deutsche Schwimmbadplan nennt als Ziel, dass niemand länger als 30 Minuten mit dem Auto zu einem Schwimmbad unterwegs sein muss.
- In Kassel startete am 14. August 2026 das Projekt Kasseler WELLE: Über 1.400 Zweitklässler lernen eine Woche lang täglich rund 90 Minuten im Auebad das Wasser kennen; Anreise und Eintritt sind kostenlos.
- Im ersten Jahr nehmen 19 der 26 Kasseler Grundschulen teil; bis 2030 sollen pro Jahrgang bis zu 2.000 Kinder erreicht werden.
- Unterrichtet werden die Kasseler Kinder von mehr als 50 Sportstudierenden der Universität Kassel; die Universität begleitet das Projekt wissenschaftlich.
- In Schwörstadt am Hochrhein wurde das Rheinschwimmbad Mitte August 2026 mitten in der Saison geschlossen, weil der Bademeister seinen Lohn nicht erhalten hatte (Badische Zeitung, Südkurier, 14. August 2026).
- In Rodgau zählte die Stadtverwaltung beim Aktionstag „Kommunen am Limit“ im Juni 2026 das Strandbad zu den freiwilligen Leistungen, die ohne Entlastung durch Bund und Land nicht mehr in der bisherigen Form zu halten sind (Pressemitteilung der Stadt, 19. Juni 2026).
- In Elze (Landkreis Hildesheim) ist das Freibad seit Juni 2026 wegen technischer Probleme geschlossen; eine Wiedereröffnung war Mitte August nicht absehbar (Hildesheimer Allgemeine, 12. August 2026).
- Das Sportbecken des Freibads Oststadt in Essen verliert seit mehr als vier Jahren täglich rund 50.000 Liter Wasser; die Sanierung ist für nach der Saison 2027 geplant (WAZ, 14. August 2026).
- Das Land Schleswig-Holstein stellte am 14. August 2026 bis zu 23,7 Millionen Euro für den Neubau der Schwimmhalle Aqua Siwa in Ratzeburg bereit, weil die alte Halle nicht mehr wirtschaftlich zu betreiben war (Landesregierung Schleswig-Holstein).
- Die DLRG-Präsidentin Ute Vogt warnt, die Gefahr sei dort am größten, wo weniger bewachte Badestellen zur Verfügung stehen und im Notfall niemand eingreifen kann (23. September 2025).
Woher wissen wir es?
- BR24/KNA: Millionen Deutsche können laut DLRG nicht schwimmen (12. August 2026)
- Universität Kassel: Kasseler WELLE, Pressemitteilung vom 14. August 2026
- hessenschau: Kasseler Welle – wie alle Grundschulkinder in Kassel schwimmen lernen sollen
- HNA: 1.400 Zweitklässler lernen schwimmen – bundesweit einmaliges Projekt startet
- Badische Zeitung: Ausbleibender Lohn für Bademeister führt zu Freibadschließung in Schwörstadt
- Südkurier: In Schwörstadt wird das Rheinschwimmbad plötzlich geschlossen (14. August 2026)
- Stadt Rodgau: Aktionstag „Kommunen am Limit“, Pressemitteilung vom 19. Juni 2026
- Landesregierung Schleswig-Holstein: Städtebauförderung für den Hallenbad-Neubau in Ratzeburg (14. August 2026)
- Hildesheimer Allgemeine: Beliebtes Freibad in der Region ist seit Juni geschlossen (12. August 2026)
- WAZ: Essener Freibad verliert seit Jahren täglich 50.000 Liter Wasser (14. August 2026)
- DLRG: Sommerbilanz Ertrinken 2025 (23. September 2025)
Was wissen wir nicht?
- Wie viele Bäder in der Saison 2026 geschlossen bleiben, zeigt erst die Auswertung nach Saisonende; eine amtliche Statistik über Badschließungen gibt es nicht.
- Ob aus dem geforderten Bäderförderprogramm Gesetz wird, ist offen; Bund und Länder haben den Schwimmbadplan bislang nicht verbindlich gemacht.
- Ob die Kasseler WELLE die Schwimmfähigkeit messbar verbessert, zeigt erst die wissenschaftliche Evaluation der Universität Kassel.
Welche Dokumente haben wir verwendet?
- Deutscher Schwimmbadplan, Bäderallianz Deutschland (Pressemitteilung)Stand: 3. Juli 2025
Mit wem haben wir gesprochen?
- Mit niemandem. Dieser Text stützt sich ausschließlich auf veröffentlichte Dokumente, Studien und Meldungen. Gespräche erfinden wir nicht.
Was hat sich seit Veröffentlichung verändert?
- Veröffentlicht am 14. August 2026. Noch keine Korrekturen oder Ergänzungen.



