Am 30. Juni 2026 endete eine Frist, von der kaum jemand gesprochen hat. Bis zu diesem Tag mussten alle Städte über 100.000 Einwohner ihre kommunale Wärmeplanung vorlegen, eine Karte, die festlegt, wie jede Straße der Stadt in Zukunft beheizt wird: Wärmenetz, Wärmepumpe, oder etwas anderes. Das Wärmeplanungsgesetz schreibt das seit Januar 2024 vor, und der 30. Juni war der erste große Stichtag.
Die Meldung, die danach kam, klang nach Erfolg: 72 der 83 Großstädte haben fristgerecht abgeschlossen. Bundesweit hatten zum Stichtag rund 2.836 Gemeinden ihre Planung fertig, 26 Prozent, doppelt so viele wie Ende 2025. 56 Prozent der Bevölkerung leben inzwischen in Kommunen mit abgeschlossenem Wärmeplan.
Das klingt nach einer Geschichte, die fertig ist. Sie fängt erst an.
Die Karte und das Versprechen
Man muss verstehen, was ein Wärmeplan ist und was nicht. Er ist eine Karte, die zeigt, welche Gebiete der Stadt an ein Wärmenetz angeschlossen werden sollen, wo Einzellösungen wie Wärmepumpen vorgesehen sind und wo welche Wärmequellen genutzt werden könnten. Er ist eine Planung, keine Baugenehmigung, und er löst für sich genommen keine Pflichten aus. Erst wenn ein Gebiet als „Eignungsgebiet“ ausgewiesen wird, greift die 65-Prozent-Regel des Gebäudeenergiegesetzes, nach der neue Heizungen überwiegend erneuerbar laufen müssen.
Der Wärmeplan ist also ein Versprechen auf Papier, und die eigentliche Arbeit beginnt danach: Die Netze müssen gebaut, die Häuser angeschlossen, die Heizungen getauscht werden. Genau an dieser Stelle kommen die Zahlen ins Spiel, die in den Plänen stehen und die man kennen sollte, weil sie die Zukunft vorwegnehmen.
Ein Wärmeplan ist eine Karte, kein Versprechen. Die Karte ist fertig, das Versprechen fängt jetzt an.
Die Zahl, die nicht stimmt
In den Wärmeplänen der Großstädte steckt eine Annahme, die fast überall gleich ist: Die Sanierungsrate wird mit zwei Prozent pro Jahr kalkuliert. Zwei Prozent der Gebäude pro Jahr gedämmt, Fenster getauscht, Heizungen erneuert, das ist die Größe, auf der die Zieljahre 2040 und 2045 aufbauen.
Tatsächlich lag die Sanierungsquote 2025 bundesweit bei unter einem Prozent. Die Pläne rechnen also mit dem Doppelten dessen, was die Wirklichkeit hergibt, und niemand hat einen Plan, wie die Rate gesteigert werden soll. Es ist die stillste und folgenreichste Zahl der ganzen Wärmewende: Das Zieljahr steht in den Plänen, die Sanierungsrate steht in den Sternen.
Dazu kommt der Wärmenetz-Ausbau. Die Netze versorgen heute im Schnitt rund 22 Prozent der Gebäude, in den Zielscenarien der Pläne sollen es knapp 50 Prozent werden. Mehr als die Hälfte der auswertbaren Großstadt-Pläne sieht künftig über 50 Prozent Netzanteil vor. Wärmenetze zu bauen, dauert aber Jahre, kostet Milliarden und braucht eine Entscheidung, die niemand allein treffen kann: die der Hauseigentümer, die angeschlossen werden sollen.
Die tatsächliche Sanierungsrate 2025. Die Wärmepläne rechnen mit zwei Prozent. Zwischen der Zahl in den Plänen und der Zahl in der Wirklichkeit liegt die ganze Aufgabe der nächsten zwanzig Jahre.
Die Stadt, die zu spät dran ist
Frankfurt hat die Frist verpasst. Die Stadtverordnetenversammlung sollte den Plan im Oktober 2026 beschließen, der Magistratsbeschluss kam im September, und der BUND kritisiert fehlende Transparenz beim Transformationsplan des Fernwärmebetreibers. Frankfurt ist damit der sichtbare Fall von etwas, das in vielen Städten leiser passiert: Der Plan ist fertig, aber die Gremien brauchen länger, und die nächsten Fristen warten nicht.
Für die Kommunen unter 100.000 Einwohnern läuft die Uhr weiter: Sie müssen bis 30. Juni 2028 liefern, die kleinen Gemeinden können vereinfachte Verfahren nutzen. 4.419 Kommunen arbeiten laut BBSR derzeit an ihren Plänen. Die zweite Welle kommt also, und sie trifft ausgerechnet die Orte, die weniger Personal, weniger Geld und weniger Fernwärme-Tradition haben.
Was jetzt zählt
Die Verbände haben die nächste Warnung schon formuliert: Die Pläne dürften nicht in der Schublade verschwinden. Es fehlen verbindliche Regeln für den Wärmenetzausbau, die Finanzierung ist ungeklärt, und die Bundesförderung für effiziente Wärmenetze reicht nach Einschätzung von VKU und AGFW nicht aus.
Für die Bürgerinnen und Bürger heißt das konkret: Der Wärmeplan ist das Dokument, an dem sich in den nächsten Jahren entscheidet, ob die eigene Straße ans Netz kommt oder ob die Wärmepumpe die Lösung ist. Wer es wissen will, kann in seinem Rathaus nachfragen, die Pläne sind öffentlich, 1.217 waren es zum Stichtag. Es ist ein gutes Recht, das zu tun, denn die Karte, die gerade fertig geworden ist, ist die verbindlichste Aussage über die eigene Heizung, die es in diesem Jahrzehnt geben wird.
Wir werden die Umsetzung der Pläne in unserer Beobachtungsliste führen: die Sanierungsrate, den Netzausbau und die Frage, welche Stadt ihre Planung wirklich in Rohre übersetzt. Der nächste Stichtag ist der Jahresbericht zum Wärmeplanungsgesetz, und dann sehen wir, ob aus den 72 fertigen Karten auch fertige Anschlüsse werden.
Recherchebox
Zur SacheWas wissen wir?
- Das Wärmeplanungsgesetz verpflichtet Großstädte (über 100.000 Einwohner) zur Wärmeplanung bis 30. Juni 2026, kleinere Kommunen bis 30. Juni 2028.
- Laut BBSR-Halbjahresbericht haben 72 der 83 Großstädte ihre Wärmeplanung fristgerecht abgeschlossen; die restlichen sollen bis Ende 2026 folgen.
- Bundesweit hatten zum 30. Juni 2026 rund 2.836 Gemeinden (26 Prozent) ihre Wärmeplanung abgeschlossen, doppelt so viele wie Ende 2025; 56 Prozent der Bevölkerung leben in Kommunen mit abgeschlossenem Plan.
- Viele Großstadt-Pläne kalkulieren mit einer Sanierungsrate von 2 Prozent pro Jahr; tatsächlich lag die Quote 2025 bundesweit unter 1 Prozent.
- Der Wärmenetzanteil liegt im Basisjahr im Schnitt bei rund 22 Prozent und soll in den Zielscenarien auf knapp 50 Prozent steigen.
- Der Wärmeplan selbst löst keine Pflichten aus; erst die Ausweisung von Eignungsgebieten aktiviert die 65-Prozent-Regel im Gebäudeenergiegesetz.
- Frankfurt verpasste die Frist; der Magistratsbeschluss kam im September, die Stadtverordnetenversammlung soll im Oktober 2026 entscheiden.
Woher wissen wir es?
- BBSR: Halbjahresbericht zur kommunalen Wärmeplanung (Stand 30. Juni 2026)
- Architekturblatt: Mehr als die Hälfte der Bevölkerung lebt in Kommunen mit abgeschlossenem Wärmeplan
- Clean Energy Wire: Municipal heating planning advances as mid-year deadline looms
- Frankfurter Rundschau: Magistrat sagt ja zum kommunalen Wärmeplan
- BUND: Hindernisse für den späten Frankfurter Wärmeplan
Was wissen wir nicht?
- Ob die Pläne über die Papierform hinaus umgesetzt werden, entscheidet sich an Finanzierung, Fachkräften und Sanierungsquote; die Verbände warnen vor Plänen, die in der Schublade verschwinden.
- Wie viele der verbleibenden Großstädte ihre Pläne bis Ende 2026 tatsächlich vorlegen, ist offen.
Welche Dokumente haben wir verwendet?
- Wärmeplanungsgesetz (WPG), in Kraft seit 1. Januar 2024Stand: 1. Januar 2024
- BBSR-Halbjahresbericht WärmeplanungStand: 30. Juni 2026
Mit wem haben wir gesprochen?
- Mit niemandem. Dieser Text stützt sich ausschließlich auf veröffentlichte Dokumente, Studien und Meldungen. Gespräche erfinden wir nicht.
Was hat sich seit Veröffentlichung verändert?
- Veröffentlicht am 8. Juli 2026. Noch keine Korrekturen oder Ergänzungen.



